Diffusionsoffen
Diffusionsoffen heißt, dass ein Bauteil Wasserdampf hindurchwandern lässt, statt ihn an seiner Oberfläche zu stoppen.
Wasserdampf bewegt sich immer dorthin, wo weniger davon vorhanden ist, also im Winter von der warmen Wohnung nach draußen. Ein diffusionsoffenes Bauteil stellt diesem Weg wenig entgegen: Der Dampf zieht durch Putz, Dämmung und Außenschicht ab, ohne sich unterwegs zu sammeln. Gemessen wird diese Durchlässigkeit über den sd-Wert in Metern. Je kleiner die Zahl, desto offener die Schicht. Wichtig ist dabei nicht die einzelne Schicht, sondern ihre Reihenfolge im Aufbau.
Der sd-Wert in Metern. Er beschreibt, wie dick eine Luftschicht mit gleichem Widerstand wäre.
Bis etwa 0,5 Meter gilt eine Schicht als diffusionsoffen.
Innen dichter als außen. Der Aufbau wird nach außen hin durchlässiger.
„Atmungsaktiv“ und „luftdurchlässig“. Beides meint etwas anderes, siehe unten.
Was passiert bei der Diffusion genau?
Warme Raumluft enthält mehr Wasserdampf als kalte Außenluft. Zwischen innen und außen entsteht dadurch ein Gefälle. Der Dampf wandert durch die Baustoffe hindurch, um dieses Gefälle auszugleichen. Das geschieht langsam, unsichtbar und ständig.
Auf diesem Weg wird die Luft im Bauteil immer kälter. Kalte Luft kann weniger Dampf tragen. Erreicht der Dampf eine Stelle, die kalt genug ist, fällt er als flüssiges Wasser aus. Genau darum geht es bei der Frage nach der Diffusionsoffenheit: Wo im Aufbau liegt diese Stelle, und kann das Wasser dort wieder wegtrocknen? Den physikalischen Punkt dahinter beschreibt der Beitrag zum Taupunkt.
Die Mengen sind dabei kleiner, als viele vermuten. Über eine geschlossene Wandfläche wandert im Winter nur ein Bruchteil dessen, was durch eine offene Fuge oder ein gekipptes Fenster geht. Für die Raumluft ist das unerheblich. Für das Bauteil selbst ist es entscheidend, weil sich kleine Mengen über Monate summieren.
Ein diffusionsoffener Aufbau ist deshalb kein Selbstzweck. Er sorgt dafür, dass Feuchtigkeit, die im Bauteil ankommt, nach außen weiterziehen und im Sommer auch wieder austrocknen kann.
Warum „atmungsaktiv“ irreführend ist
Der Ausdruck vom atmenden Haus hält sich seit Jahrzehnten. Gemeint ist damit meist, eine Wand tausche Luft mit der Umgebung aus und sorge so für frische Raumluft. Das tut sie nicht.
Über die Wand bewegt sich nur Wasserdampf im Molekülmaßstab, keine spürbare Luftmenge. Der Luftwechsel im Haus läuft über Fenster, Türen, Undichtigkeiten und Lüftungsanlagen. Wie klein der Anteil unkontrollierter Wege ist, macht der Blower-Door-Test sichtbar.
Praktisch bedeutet das: Eine diffusionsoffene Wand ersetzt kein Lüften. Wer die Feuchte aus Duschen, Kochen und Wäsche über die Wand loswerden will, wird sie stattdessen an der kältesten Ecke wiederfinden, wie im Beitrag zu Schimmel in der Wohnung beschrieben.
Was sagt der sd-Wert aus?
Der sd-Wert übersetzt den Diffusionswiderstand einer Schicht in eine anschauliche Zahl. Er gibt an, wie dick eine ruhende Luftschicht sein müsste, um denselben Widerstand zu erzeugen. Ein sd-Wert von zwei Metern entspricht also zwei Metern stehender Luft.
Berechnet wird er aus der Materialkennzahl und der Schichtdicke. Deshalb kann dieselbe Folie mit anderer Stärke einen anderen sd-Wert haben, und deshalb sagt der Blick auf das Material allein wenig aus.
| Schicht | sd-Wert grob | Einordnung |
|---|---|---|
| Kalkputz innen | unter 0,1 m | Sehr offen |
| Holzfaserdämmplatte | etwa 0,1 bis 0,5 m | Offen |
| Gipskarton | etwa 0,1 m | Offen |
| OSB-Platte 15 mm | etwa 2 bis 4 m | Bremsend |
| Dampfbremsbahn | etwa 2 bis 100 m | Bremsend, je nach Typ |
| PE-Folie | über 100 m | Sperrend |
| Bitumenbahn | weit über 1.000 m | Dicht |
Die Werte sind Größenordnungen zur Orientierung, keine Planungsgrundlage. Für einen konkreten Aufbau gelten die Datenblätter der eingesetzten Produkte.
Diffusionsoffen, dampfbremsend, dampfsperrend
Die drei Begriffe beschreiben Stufen derselben Eigenschaft. Gebräuchlich ist folgende Einteilung, die in Datenblättern und Fachliteratur breit verwendet wird.
| Bezeichnung | sd-Wert | Aufgabe | Beispiel |
|---|---|---|---|
| Diffusionsoffen | unter 0,5 m | Feuchte durchlassen und austrocknen | Unterdeckbahn, Kalkputz |
| Dampfbremsend | 0,5 bis etwa 1.500 m | Feuchtestrom begrenzen, nicht stoppen | Dampfbremsbahn, OSB |
| Dampfsperrend | über etwa 1.500 m | Feuchte praktisch vollständig zurückhalten | Aluminiumkaschierung, Bitumen |
Eine Sonderrolle spielen feuchtevariable Bahnen. Ihr sd-Wert ändert sich mit der Luftfeuchte: Im Winter bremsen sie stark, im Sommer öffnen sie sich und lassen Feuchte nach innen austrocknen. Für Dachdämmungen im Bestand ist das oft die sicherere Wahl.
Warum der Aufbau nach außen offener werden muss
Die wichtigste Regel im Aufbau lautet: innen dicht, außen offen. Der Dampf soll erst gar nicht in großer Menge ins Bauteil gelangen, und was ankommt, soll ungehindert nach draußen weiterziehen können.
Als Faustregel aus der Praxis wird oft genannt, dass die innere Schicht ein Vielfaches des sd-Werts der äußeren haben sollte. Wird sie umgekehrt eingebaut, entsteht eine Falle: Feuchte kommt hinein und kann nicht mehr heraus. Sie sammelt sich an der kalten Außenschicht, durchfeuchtet die Dämmung und greift bei Holzkonstruktionen die Substanz an.
Ein Zahlenbeispiel macht das greifbar. Liegt innen eine Bahn mit sd zwei Metern und außen eine Unterdeckbahn mit sd 0,1 Metern, ist der Weg nach draußen rund zwanzigmal leichter als der Weg hinein. Dreht man beide Bahnen um, kehrt sich das Verhältnis um, und der Dampf staut sich in der Dämmung.
Sichtbar wird der Fehler oft erst nach Jahren. Anzeichen sind muffiger Geruch im Dachgeschoss, dunkle Flecken auf der Innenverkleidung und Dämmstoff, der sich beim Öffnen feucht anfühlt und zusammengesackt ist.
Typische Fehler bei der Altbaudämmung
Der häufigste Fehler ist eine Innendämmung ohne Konzept. Innen gedämmt wird die alte Außenwand kälter, der Taupunkt rutscht hinter die Dämmung. Fehlt dort die passende Ebene, kondensiert Wasser genau in der Fuge zwischen Dämmung und Wand.
Der zweite Fehler sind Löcher in der dichten Ebene. Steckdosen, Kabeldurchführungen und Anschlüsse an Balken werden nicht sauber verklebt. Durch eine einzige undichte Fuge strömt deutlich mehr Feuchte als durch die gesamte übrige Fläche.
Der dritte Fehler ist ein dichter Außenanstrich auf einer offen geplanten Fassade. Damit wird der Aufbau am Ende zugesperrt, obwohl innen alles richtig gemacht wurde. Welche Wärmeverluste dabei überhaupt im Spiel sind, ordnet der Beitrag zum U-Wert ein.
Eine dichte Ebene bleibt trotzdem an manchen Stellen nötig, etwa unter erdberührten Bauteilen, unter Estrich auf Bodenplatten und bei Flachdächern. Dort steht Feuchte unter Druck oder kann nach unten gar nicht abtrocknen. Welche Ebene wo hingehört, entscheidet die Bauphysik am konkreten Objekt.
Häufige Fragen zu diffusionsoffenen Aufbauten
Ist diffusionsoffen immer besser?
Nein. Entscheidend ist die Reihenfolge der Schichten, nicht die Offenheit an sich. Bei Flachdächern und erdberührten Bauteilen ist eine dichte Ebene sogar Voraussetzung für einen schadensfreien Aufbau.
Woher bekomme ich den sd-Wert eines Materials?
Aus dem technischen Datenblatt des Herstellers. Dort steht entweder der sd-Wert direkt oder die Materialkennzahl, aus der er sich zusammen mit der Schichtdicke ergibt.
Kann ich eine Dampfbremse weglassen?
Nur wenn der Aufbau rechnerisch ohne sie funktioniert, etwa bei massiven Wänden mit außenliegender Dämmung. Bei Holzkonstruktionen und Dachdämmungen ist das die Ausnahme.
Was bedeutet feuchtevariabel?
Die Bahn ändert ihren Widerstand mit der Luftfeuchtigkeit. Im Winter bremst sie stark, im Sommer wird sie offener und lässt eingeschlossene Feuchte nach innen austrocknen.
Hilft ein diffusionsoffener Putz gegen Schimmel?
Er kann Feuchtespitzen puffern und die Oberfläche schneller abtrocknen lassen. Die Ursache liegt aber meist bei Lüftung und kalten Ecken. Ohne diese Punkte löst der Putz das Problem nicht.
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